Was Krabat mit Bindung und Verlust zu schaffen hat

Wir befinden uns, in unserem Leben, in einer Endlosschleife von Bindung und Verlust. Beziehung und Trennung. Festlegen und Freigeben. Nähe und Distanz. Von Anfängen und Enden. Bindung ist uns ein wesentliches Bedürfnis, ohne dessen Erfüllung wir nicht zu starken und unabhängigen Menschen werden können. Auch den Verlusten begegnen wir unweigerlich auf unserem Weg durchs Leben. Wir können lernen mit beidem ausgeglichen und souverän umzugehen: mit den Verbindungen und den Verlusten.

Ein interessantes Beispiel aus der Literatur ist Krabat von Otfried Preußler.
Krabat, ein Junge von 14 Jahren, verliert seine Eltern und wird von den Pfarrersleuten aufgenommen, die ihn mehr zu einem Vorzeigebub machen wollen, anstatt ihn anzunehmen und zu lieben. Er nimmt reiss aus und wird lieber Betteljunge. Mit zwei ebensolchen Buben zieht er als Dreikönigssinger zur Neujahrszeit von Hof zu Hof. Nachts träumt er mehrfach den gleichen Traum, in welchem er eine Stimme hört, die ihn in die Mühle im Koselbruch ruft. Es erscheint ihm so echt, dass er irgendwann sein Bündel schnürt und die noch schlafenden Freunde verlässt.

Er findet die Schwarze Mühle im Koselbruch und geht dort, als neuer Müllersbursche und als Lehrling in der Kunst der schwarzen Magie, entgegen allen Warnungen, eine neue Bindung ein. Er fasst besonders zu dem Altgesell Tonda Vertrauen. Dieser hilft ihm im Geheimen und ist gleichzeitig Vater, Bruder und Freund. Als Tonda gewaltsam zu Tode kommt, trifft Krabat dessen Verlust tief. Erst als Lobosch, einer der Dreikönigssinger, plötzlich in der Mühle auftaucht, nimmt Krabat sich dem Jungen an und baut ein neues Vertrauensverhältnis auf. Zuvor ist er auch schon der Kantorka begegnet, einem Mädchen aus dem Dorf, an das er sein Herz verloren hat. Von Tonda weiss er, dass er den Namen der Kantorka geheim halten muss, um ihr Leben zu schützen. Da er sich, zur Ablenkung von Tondas Tod, ehrgeizig in die Kunst der schwarzen Magie vertieft hat und in Konkurrenz zum Meister steht, befindet sich Krabat in Lebensgefahr. Krabat bemerkt, dass es noch einen Verbündeten in Mühle gibt, dem er bedingungslos Vertrauen kann und dessen Freundschaft ihm und der Kantorka das Leben retten wird. Der dumme Juro, der von allen, auch vom Meister, nicht beachtet wird, stellt sich als ungemein schlau heraus und schmiedet mit Krabat einen Plan. Die Freundschaft Juros und die Liebe der Kantorka retten Krabat aus einer aussichtlosen Lage.

Krabat, der den Verlust seiner Eltern und die Lieblosigkeit der Pfarrersleute erfahren hat, seine Freunde zurück lässt, hat nicht viel zu verlieren. So geht er das spürbare Risiko auf der Mühle ein und sieht zu Beginn vor allem das Positive. Die Arbeit ist schwer aber ein dauerhaftes Zuhause, die Gemeinschaft und tägliches Essen wiegen dies auf. Krabat hat Charakter und weiss durchaus was er will. Vermutlich hatte er eine sichere und schützende Bindung zu seinen Eltern, was es ihm ermöglichte den Verlust seines Zuhauses, das Verlassen eines sicheren Ortes bei den Pfarrersleuten und den erneut harten Verlust durch Tondas Tod zu ertragen. Und dann, trotz allem sein Leben in die Hand zu nehmen und zu kämpfen. Durch Tonda, der ihn annahm wie er war, ihn schützte und zur Seite stand, erfuhr er wieder eine vertrauensvolle Bindung. Das Bewusstsein, dass es ein Mädchen gab, an das er denken konnte und liebte, schenkte ihm Hoffnung. Die Bindung zu Lobosch, dem er helfen konnte und all das beibringen durfte, was Tonda ihm gelehrt hatte, liess ihn merken, dass auch er gebraucht wird. Und letztendlich, der unerwartete Freund Juro, der ihm ohne Erwartungen hilft und einen Ausweg zeigt.

Als Kind erleben wir den Tod eines Haustieres oder verlieren ein wichtiges Kuscheltier. Die Grosseltern sterben. Oder unsere Eltern trennen sich. Wir sehen, fühlen und lernen anhand des Beispiels unserer Eltern oder anderer Bezugspersonen, wie wir mit diesen leidhaften Verlusten umgehen können. Im besten Fall erfahren wir Trost und Zuwendung, sprechen darüber, dürfen endlos weinen und werden Ernst genommen in unseren Empfindungen. So bekommen wir die beste Basis, um allen weiteren Bindungen und Verlusten sicher und gut zu begegnen. Die erste Ablösung von Zuhause, die erste Liebe, Liebeskummer, endende Freundschaften, neuer Job, und so vieles mehr.

Unser Leben wäre einsam, farblos und leer ohne Beziehungen. Sobald wir uns binden, gehen wir jedoch auch das Risiko eines Verlustes ein.
Haben wir nicht die Erfahrung einer sicheren Bindung gemacht und haben wir nicht tröstende Empathie erlebt, neigen wir in unseren Beziehungen eventuell zu einem unbalancierten Verhalten. Vielleicht klammern und kontrollieren wir, sind eifersüchtig und engen ein. Oder wir distanzieren uns, sind lieber alleine, haben nur kurze Beziehungen, oberflächliche Freundschaften und geben nichts über uns Preis, wir verschliessen uns.

Ein schlimmer Verlust, wie Trennung, Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen, finanzielle Sorgen, Arbeitslosigkeit können uns ins Bodenlose reissen. Das Ausmass der Situation ist uns völlige Überforderung. Wir haben keine Ressourcen mehr, um uns selbst zu helfen und niemand anderes kann dies für uns lösen und uns abnehmen. Das gelernte Muster der Ablenkung greift nicht mehr oder nimmt ein ungesundes Ausmass an. Die dahinterstehende Hilflosigkeit unserer Eltern hörte sich oft so an: „Komm, ich mach das für Dich. Komm, ess ein Stück Schokolade, das hilft immer. Schau, ich habe dir ein neues Spielzeug gekauft, damit du nicht mehr traurig bist. Komm, wir spielen etwas, das lenkt dich ab.“ Oder: „Stell dich nicht so an, so schlimm ist es doch nicht. Denk nicht drüber nach, alles geht vorbei. Nicht heulen, heulen hilft nicht. Du musst auf die Zähne beissen.“

Eine Weile mag das uns eingeprägte System im Falle eines Verlustes, des Versagens ausreichen. Wenn wir uns jedoch in einer endlosen Wiederholung von nicht auflösbaren Situationen wiederfinden, wir in unseren Beziehungen unglücklich und einsam sind, wenn wir uns selbst nichts mehr zutrauen, wir keine Ruhe finden, Stress nicht mehr zu bewältigen ist, ein Verlust unüberwindbar und zentral wird in unserem Leben:
Dann führt uns dies in Depressionen und Selbstzweifel.
Dann, könnten wir uns auf die Suche zu unseren Wurzeln begeben und die Kreise der unbefriedigten und unerfüllten Bedürfnisse aufspüren, um sie im Hier und Jetzt zu schliessen. Um zu verstehen und gehört zu werden, Zuspruch zu erhalten, um dann versöhnlich einen anderen Weg gehen zu dürfen.

Denn, für jeden von uns sind tiefe, innige und sichere Beziehungen möglich. Am meisten dann, wenn wir es wagen uns selbst zu reflektieren, Unabänderliches zu akzeptieren und uns selbst zu lieben.

Corinna Müller
11.12.18

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