Warum Tabus so mächtig sind

Tabus besitzen Macht und Einfluss auf unsere Beziehungen, allen voran auf unsere Partnerschaft, auf die Beziehung zu uns selbst und zu unseren Kindern. Wir sprechen wenig darüber, denn Tabu bleibt Tabu.

Als Frau in der Öffentlichkeit unter Freunden und Kollegen zu erwähnen „sorry schwierig, ich habe gerade meine Mens“, bewirkt betretenes Schweigen. Zu erzählen, was bei dem vergangenen Frauenarzttermin Sache war, höchst prekär. In aufgeklärten Zeiten schaffen es nur wenige „Sex“ normal und unverblümt auszusprechen, ohne für Sekundenbruchteile zu zögern und abzuwägen. Oder es mit einem Kichern, Grinsen oder Ähnlichem zu begleiten. Gegenüber Kindern sagen Eltern: „Mama und Papa haben Liebe gemacht“, als ob unser Kind mit dieser Beschreibung etwas anfangen könnte.
Weil wir gelernt haben, dass etwas peinlich sein könnte, neigen wir dazu, tabubehaftete Themen, welche wir wortwörtlich nicht beim Wort nennen können, zu verschönen und zu verniedlichen. Darunter fallen zum Beispiel Bezeichnungen für unsere Geschlechtsorgane. Um Vagina und Penis zu umgehen, geben wir ihnen kindliche, verniedlichende Namen. Masturbation, alle Arten von Körperflüssigkeiten, Zungenkuss, Homosexualität, etc.  Alles Themen, die gerne vermieden werden. Es könnte ja sein… ja was?

Alle kennen wir sie, diese Tabus. Jede Gruppe, jede Gesellschaft, zu jeder Zeit hat und hatte sie. Ausdrücklich wird in jedem passenden Moment erwähnt: darüber spricht man nicht. Das tut man nicht. Das sagt man nicht. Diese Kleidung trägt man nicht. Das geht gar nicht. Das gehört sich nicht. So werden viele soziale, ästhetische und moralische Themen abqualifiziert. Anstatt offen darüber zu sprechen. Und so dreht sich der Kreislauf von Scham und Schuld weiter, den wir oft selbst als Kind erfahren haben, weil wir aufgrund einer normalen kindlichen, völlig unschuldigen Handlung, zu hören bekommen haben „lass das, das macht man nicht.“
Die wenigsten von uns „Erwachsenen“ können sich vorstellen, dass ihre Eltern ein sexuelles Liebesleben haben oder hatten. Die wenigsten haben jemals mit ihren Eltern darüber gesprochen. Trotz der 68er Bewegung. Erleben wir heute ein schönes und befriedigendes sexuelles Liebesleben mit unserem Partner, haben wir uns den Weg dahin hart erkämpft und einige Tabubrüche in Kauf genommen. Wir haben heimlich und schamerfüllt die gesetzten Grenzen überschritten und uns schuldig gefühlt. Gelernt darüber offen zu sprechen haben wir jedoch in den seltensten Fällen. Hier ist der Machthebel des Tabus. Der Einfluss von Scham und Schuld schwächt unsere Selbstkompetenz und die Einschätzung unserer eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Unser Schamgefühl nimmt uns Selbstsicherheit. Die Macht der Peinlichkeit ist grösser, als der Wunsch nach Offenheit. Tabus haben die Macht, Angst zu erschaffen. Angst vor Repressalien, Angst vor gesellschaftlichem Ausschluss. Angst davor verlacht zu werden.
In meiner Praxis komme ich immer wieder mit Menschen in Kontakt, denen es  ungemein schwer fällt über ihre Sexualität, Intimität, ihre Orgasmusfähigkeit und ihre dazugehörigen Wünsche zu sprechen. Dafür ist oft eine sexuell repressive Erziehung verantwortlich. Auch Themen wie Pornografie, sexuelle Pflichten und Untreue sind äusserst schwierige Tabuthemen. Zudem leiden viel mehr Menschen als allgemein angenommen an den Folgen von sexuellem Missbrauch. Auch noch immer ein grosses Tabu.
Warum ist das so schwierig? Weil wir nicht plötzlich über Themen, die uns Jahrzehnte lang als „das macht man nicht“, „das tut man nicht“ angewiesen wurden, offen kommunizieren können. Seien sie nun positiv oder negativ behaftet.
Wenn Sexualität in unserer Vergangenheit ein Thema hinter vorgehaltener Hand war, wird uns eine offene Kommunikation in unserer Partnerschaft schwer fallen. Darüber, was wir uns wünschen, was wir als leidenschaftlich und schön empfinden. Vor allem jedoch was uns nicht gefällt.
Wir müssen nicht lernen schamloser zu werden. Aber für uns und unsere Beziehungen wäre es schön, wenn wir lernen angstfrei und offen über Tabus zu sprechen.
Sprechen wir darüber.

Corinna Müller
16.11.2018

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