Die Besonderheit unerwarteter Offenheit

In diesem Sommer war ich Teil von etwas Aussergewöhnlichem. In den Bergen des Tessins, in einer abgelegenen Berghütte, traf sich eine Gruppe von Personen, die in irgendeiner Weise Schnittpunkte zueinander hatten. Familie, Freunde, Freunde der Freunde, Bekannte. Vielleicht lag es an der Zusammensetzung dieser Menschen, gepaart mit dem Gefühl der Ausgesetztheit in den Bergen. Vor der Hütte der Gewitterregen und die einziehende Bergkälte und Dunkelheit. Vielleicht aber auch nur an der Idee eines einzelnen, der damit unbewusst etwas Besonderes auslöste.

Die Abende auf Berghütten sind meist eine selbstlaufende Sache. Nach einem anstrengenden Aufstieg ist man gleichsam durchdrungen von Adrenalin und dem Hochgefühl die Höhenmeter bezwungen zu haben und dem Gefühl der Müdigkeit, der schmerzenden Beine, Hunger, dem Bedürfnis zu schlafen. Wenn es eindunkelt am Abend wird es dort oben in den Bergen, mit ein wenig Wein und Bier, meist eine lustige, fachsimpelnde Gesellschaft, die Anekdoten und Lachgeschichten zum Besten gibt.

Nicht so in dieser Runde, an diesem Abend. Nach einem herrlichen Essen und der Feststellung, dass der Regen noch immer andauert, interessierte sich jemand aus der Runde wer denn nun wer genau sei und woher sich wer kenne. Nach etwas hin und her begann ein Kennenlernspiel, in welchem der Weinkorken von Person zu Person wanderte. Ok, dachten wir alle, machen wir mal wieder eine Kennenlernrunde. Puh. Und waren gefasst auf die profanen Erzählungen von: so viele Geschwister, hier geboren und aufgewachsen, da die Schule beendet, hier studiert, und dort gearbeitet und meine Hobbies sind. So beginnt es auch. Mit witzigen Einwürfen und kleinen Sticheleien. Bis etwas Unerwartetes passiert. Die gewohnte Oberfläche, in der wir das Bild zeichnen, dass jeder von uns sehen darf und soll, wird verlassen. Eine Öffnung geschieht. Die Erzählung wird persönlich und rührt uns alle zu Tränen. Wie nun damit umgehen? Es rüttelt etwas in dieser Runde, legt Dinge frei, die wir nicht erwartet hätten, kehrt das Spiel in etwas anderes. Etwas erfahrbares Tiefes. Denn, die Oberfläche hat sich bewegt, kommt nicht zur Ruhe und schlägt Wellen. Der Weinkorken wird zum Aufrührer, wird nass in manchen Händen, heiss und schwindlig vom vielen hin und her Drehen. Wir sind aufgerührt. Bewegen uns in Gedanken in unserer eigenen Geschichte. Unsicher was da aus uns herausquellen wird. Und so geben alle folgenden Geschichten etwas preis, etwas noch nicht Gehörtes, nicht Gewusstes. Lassen uns teilhaben an schönen Erfahrungen und an denen, die weh taten. Und immer ist das, was wir preisgeben und freilegen, etwas, dass uns ausmacht, uns geformt und geprägt hat. Wir erzählen von Schicksalen, Liebe und Ablehnung, vom Ausbrechen und Finden, von Einsamkeit und Verlust. Wir erzählen von Beziehungen.

Tief gerührt und erschöpft merken wir, dass die Nacht über uns ist, suchen in der Dunkelheit die Kojen auf und fallen müde hinein. Gedankenfetzen und Gefühle der vergangenen Stunden wiegen uns in den Schlaf. Dankbar für die erfahrene Offenheit, die zugelassenen Emotionen und ein wenig Scham darüber, dass wir es vielleicht nicht geschafft haben, das Bild von uns zu zeichnen, welches die Welt sehen soll.

Am nächsten Morgen, nach einem Frühstück in der zurückgekehrten Sonne, mache ich mich alleine an den 4 stündigen Abstieg zurück ins Tal. Viel Zeit zum Nachdenken und Resümieren. Wieder einmal darf ich feststellen welch immensen Unterschied es macht, von jemandem etwas Echtes, etwas Wesentliches zu erfahren. Wie viel mehr uns dies einander näher bringt, Verständnis erzeugt und Mauern von Unsicherheit und Scham unnötig werden lässt. Dass wir immer dann, wenn wir den Mut aufbringen uns zu öffnen, uns zu entblössen, wahrhaft sind, die Chance bekommen etwas Neues über uns selbst zu erfahren. Unseren Beziehungen Tiefe und Vertrautheit geben.

Wir „hängen“ in unserem Leben mitten in diesem Konstrukt von Beziehungen.

Neben Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Grosseltern, Partner, Freunden und Arbeitskollegen hängen dort eventuelle Affären zwischen Konventionen, Moral, unserer Vergangenheit und unseren Zukunftsvorstellungen, Bedürfnissen, Träumen, Ängsten und Geheimnissen. In diesem Systemkonstrukt gibt es Dynamiken, gibt es Bewegungen, die wir verstehen lernen können und wenn wir sie verstehen, verändern können. Und wenn sie unabänderlich sind, können wir sie wenigsten benennen.

Die Veränderung geschieht oft genau dann, wenn in uns dieses Aha! aufleuchtet, während wir im Verstehensprozess unserer Beziehungsdynamiken stecken. Dieses Aha kann bewirken, dass wir uns plötzlich anders bewegen als erwartet und so Einfluss auf das ganze Konstrukt nehmen. Veränderung anstossen.

Wie an diesem Abend in der Hütte, als ein Gast durch seine unerwartete Offenheit Einfluss nahm und dem Verlauf Tiefe gab.

19.9.18
Corinna Müller

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